Montag, 10. Oktober 2016

„Dieser wissende Blick“


Wie ein Krankenhauschef das Schicksal eines ermordeten Augsburger Jungen aufdeckt - Die Geschichte zum Kinofilm "Nebel im August"


Ohne Michael von Cranach hätte die Geschichte von Ernst Lossa nie irgendjemand erfahren. Aber 1980 steigt der damalige Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren runter in den Keller, um im Archiv über die Vergangenheit des Hauses zu forschen – eine düstere, schaurige Vergangenheit, wie er schnell merkt: „Schon in den ersten Tagen wurde mir klar: Hier muss etwas Schlimmes passiert sein. Die Atmosphäre war düster und grau. Die Haltung der Ärzte war unvorstellbar distanziert, die Lebenssituation der Patienten grauenvoll: Viele waren fixiert in großen Sälen, überall geschlossene Stationen.“

Fast 300.000 Opfer

Menschen, die anders waren, aus Sicht der Nationalsozialisten minderwertig, wurden im Dritten Reich umgebracht. Insgesamt fast 300.000 Menschen, auch in Kaufbeuren wurde gemordet. Unter den Opfern war auch ein 14 Jahre alter Junge, Ernst Lossa. Geboren in Augsburg. Sein Schicksal lässt von Cranach nicht mehr los. „Als ich das Foto sah, war ich sehr beeindruckt. Ich klappte die Krankengeschichte auf und sah das Foto, auf dem uns der Bub so wissend und tiefgründig anschaut, so dass ich angefangen habe zu recherchieren.“

Fragen von damals sind aktueller denn je

Lossa, kurzgeschorene Haare, Lausbuben-Blick. Er stammt aus einer Familie von Jenischen, die von den Nazis als Zigeunerplage verfolgt wurden. Zwei Kinderheime wurden mit dem aufsässigen Ernst nicht fertig, er wurde nach Kaufbeuren abgeschoben. Das war sein Todesurteil. 
 
Filmproduzent Ulrich Limmer hat Ernst Lossa jetzt auf die Kinoleinwand gebracht, nachdem er jahrelang dafür gekämpft hatte. Denn: Die Fragen von damals sind heute wieder aktueller denn je, so Limmer: „Gibt es jemanden, der es sich erlauben kann zu sagen 'Der ist unwürdig zu leben oder der darf hier nicht leben'? Oder er ist andersfarbig oder denkt anders und wird deshalb an den Rand der Gesellschaft gedrängt und letztlich auch ermordet. Das hat erschreckenderweise an Aktualität in keiner Weise verloren.“ Es ist der erste Kinofilm zum Thema „Euthanasie“ überhaupt. Die Vorlage lieferte der Bestseller von Robert Domes, der den Stoff zu einem Roman verarbeitet hatte.
Sogar nach Kriegsende wurden in Kaufbeuren noch fast zwei Monate lang Menschen getötet. Nach 1945 gab es keine Zäsur. Wenige Täter wurden zu harmlosen Strafen verurteilt, der Großteil der Schwestern und Ärzte blieb und arbeitete jahrelang unbehelligt weiter in den Kliniken. 

"Nebel im August" läuft in Augsburg im Thalia.

http://nebelimaugust.de

Sonntag, 6. März 2016

Nach der Saison ist vor der Saison! (Phrasenalarm...)

Augsburger Panther planen die neue Spielzeit. Mit welchen Spielern? Eine Prognose

Gefühlt ist die Eishockey-Saison gerade erst losgegangen, finde ich. Mit einem komplett neuen Augsburger Team, einem neuen Trainer und neuem Elan. Und schon ist alles wieder vorbei: Playoffs ohne Panther - zum dritten Mal in Folge. Trotz teilweise begeisternder Spiele.

Die Hauptgründe:
- Zu inkonstante Torhüterleistungen
- Zu viele individuelle Fehler, die zu Gegentoren geführt haben
- Nach einem Gegentor brach das Team oftmals völlig auseinander

"Schade, denn das Team heuer hätte die Playoffs auf jeden Fall verdient", sagt der dienstälteste Panther Steffen Tölzer. Und im Vergleich zur letzten Spielzeit war es tatsächlich ein riesen Fortschritt. Damals war die Luft schon zu Weihnachten raus. Das haben auch die Fans registriert, die einerseits zahlreich ins Stadion kamen und andererseits den AEV bis zuletzt großartig unterstützten.
Jetzt richten sich die Blicke bereits auf 2016/17. Welcher Spieler wird dann wieder das Panther-Trikot tragen, welcher nicht?

Die Verteidiger Brady Lamb und Steffen Tölzer sowie Stürmer Adrias Grygiel bleiben, das ist klar. 


Meine Prognose: 

Tor:


Jeff Deslauriers: Die Panther besitzen eine Option, der Kanadier würde gerne in Augsburg bleiben. Aber: Seine Leistungen waren zu wechselhaft. Überragende Leistungen wechselten mit fatalen Patzern. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 0 Prozent.

Ben Meisner: Kam aus der zweiten Liga und war dann zwischenzeitlich sogar die Nummer 1 beim AEV. Zeigte stellenweise gute Spiele, die Konstanz für einen DEL-Stammplatz fehlt aber noch. Ist jung und hat einen deutschen Pass. Das macht ihn auch für Konkurrenten interessant, die eine gute Nummer 2 suchen. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 70 Prozent.

Abwehr:

Evan Oberg: Als starker Offensiv-Verteidiger angekündigt, blieb er hinter den Erwartungen, saß am Ende sogar etliche Male auf der Tribüne. Zu hohe Fehlerquote, die immer wieder zu Gegentoren geführt hat. Bei den Fans unten durch. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 0 Prozent.

Blake Kessel: Kam aus Finnland kurz vor Saison-Ende. Zeigte gute Ansätze, konnte aber auch nicht voll überzeugen. Gut möglich, dass bei der Verpflichtung schon über die nächste Saison gesprochen wurde. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 65 Prozent.

James Bettauer: Deutlich schwächer als das Jahr zuvor. Träumte von der NHL, blieb dann doch beim AEV. Mit deutschem Pass und Qualitäten in der Offensive. Davon gibt es auf dem deutschen Markt nicht allzu viele, die in das schmale Panther-Budget passen. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 60 Prozent.

Bretton Stamler: Harter Verteidiger, der sich für nichts zu schade ist. War jedoch immer der erste Ausländer, der auf die Tribüne musste. Fraglich, ob man für ihn erneut eine Ausländerlizenz hergibt. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 0 Prozent.

Arvids Rekis: Der Routinier lebt mit seiner Familie in der Nähe von Augsburg und ist hier heimisch geworden. Bei ihm ist es eher fraglich, ob seine Gesundheit mitspielt. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 30 Prozent.

Derek Dinger: Solider Verteidiger, positiver Typ. Sein Verbleib ist wohl schon ausgemachte Sache. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 100 Prozent.

Sturm:

Jon Matsumoto: Top-Scorer, der nach einem Katastrophen-Jahr in Schwenningen gezeigt hat, was in ihm steckt. Spielerisch starker Torjäger, kein leichter Charakter. Begehrt bei vielen DEL-Klubs. Panther wollen verlängern. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 30 Prozent.

Ben Hanowski: Hinter einem Verbleib des torgefährlichen Amerikaners stehen mehrere Fragezeichen. Er wollte schon vor der Saison zuerst nicht nach Europa. Gut möglich, dass er einen erneuten Anlauf in Nordamerika nimmt oder dass ein zahlungskräftiger Panther-Konkurrent zuschlägt. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 30 Prozent.

Aleks Polaczek: Stürmer-Routinier. Stammt aus dem Augsburger Nachwuchs und ist vor der Saison wieder nach Hause zurückgekehrt. Wird seine DEL-Karriere wohl in Augsburg beenden. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 100 Prozent.

Thomas Holzmann: Konnte nach leichten Anlaufschwierigkeiten voll überzeugen. Verletzte sich kurz vor Saisonende schwer (Schädelbruch). Sein Verbleib gilt als wahrscheinlich. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 100 Prozent.

Matt MacKay: Gute Mittelstürmer für die dritte oder vierte Reihe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 100 Prozent.

Drew LeBlanc: Der Amerikaner ist ein toller Techniker, manchmal etwas zu eigensinnig. Die Panther wollen ihn halten. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 55 Prozent.

T.J. Trevelyan: Immer mit vollem Einsatz - und unglaublichem Verletzungspech. Fühlt sich wohl in Augsburg. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 95 Prozent.

Marc Mancari: Als Torjäger und "Königstransfer" nach Augsburg gekommen, konnte er nicht voll überzeugen. Immer engagiert und kampfstark, aber läuferisch zu limitiert. Zeigte seinen knallharten Schuss zu selten. Hat angeblich in Krefeld zugesagt. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 0 Prozent.

Ivan Ciernik: Der Oldie ist nicht mehr der Schnellste, macht trotzdem seine Scorerpunkte durch seine Erfahrung und seine feine Technik. Hat jedoch Verletzungsprobleme. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 15 Prozent.

Daniel Weiß: Ein Kämpfer, durfte auch im Powerplay ran. Oft mit überflüssigen Strafzeiten. Wird mit Wolfsburg und Düsseldorf in Verbindung gebracht. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 5 Prozent.

Mike Iggulden: Experte im Penaltyschießen, zwischenzeitlich mit einer Verletzung außer Gefecht. Kein überragender, aber ein guter Stürmer. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 60 Prozent.

Alexander Thiel: Junger Stürmer, hat noch mehr Potential. Hat nach meinen Informationen einen mehrjährigen Vertrag. Wahrscheinlichkeit auf einen Verbleib: 100 Prozent.

...
Lamb bleibt Augsburger - klare Vorstellungen bei Kessel - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/sport/eishockey/augsburger-panther/Lamb-bleibt-Augsburger-klare-Vorstellungen-bei-Kessel-id36971732.html


Samstag, 30. Januar 2016

(Un)Freiwilliges Entertainment

Neujahrsempfänge in Augsburg Stadt und Land

Ach, ich mag diese traditionellen Neujahrsempfänge von Städten, Gemeinden und Parteien. Bei vielen Gästen (und vor allem Journalisten) liegt das an den kostenlosen Getränken und den Häppchen. Aber das ist es gar nicht. Man erlebt dort als Radioreporter einfach so viel. Man führt Gespräche, bekommt Informationen und wird vor allem fantastisch unterhalten. Der Entertainment-Bereich findet teilweise unfreiwillig statt und ist von den Protagonisten nicht gewollt, aber das macht es gerade aus.

Die Highlights im Jahr 2016:

- Die CSU begrüßte Finanzminister Söder als Stargast. Der war zwar gesundheitlich etwas angeschlagen, seine Rede stieß in der Zielgruppe trotzdem auf Begeisterung. Ein paar Witze über Berlin (Flughafen etc.) gehen immer. Der Saal tobt. Nach dem offiziellen Teil dann der Einsatz des Radioreporters. Jedoch anders als gedacht. Eigentlich wartend auf das Interview mit dem Minister, bekommt man plötzlich ein Handy in die Hand gedrückt. Danach nochmal eins und weil's so schön war gleich wieder. Jeweils mit klarer Anweisung der iPhone-Besitzer, die sich währenddessen breit grinsend neben Söder aufstellen: "Foto, schnell!" Auch Markus Söder weiß nicht ganz genau, wie ihm geschieht. Er nimmt den Brief / die Broschüre / die Unterschriftensammlung für oder gegen irgendwas trotzdem freundlich in die Hand und lächelt etwas gequält in die Linse. Profi halt. Am Ende des Nachmittags ruft CSU-Urgestein Bernd Kränzle Söder dann noch zum neuen Ministerpräsidenten aus. Das nächste Mal werde Söder acht, neun Minuten Applaus erhalten! Denn "das ist die Dauer, die in entsprechenden Positionen üblich ist!"
Ich hoffe übrigens, meine Fotos waren zur Zufriedenheit aller. Meist ist bei mir nämlich ein Finger vor der Linse. Vielleicht hätte ich das vorher sagen sollen.  

- Bei der Schwäbischen Wirtschaft ging es dieses Jahr um das Thema "Wirtschaft und Ethik". Sehr interessant und mit klugen Köpfen auf dem Podium. Und wäre der Stargast tatsächlich der gewesen, der angekündigt wurde, es wäre eine Sensation gewesen: Karl Marx, immerhin seit 133 Jahren tot. Raunen im Publikum, Gemurmel. Ach so, der IHK-Chef hat sich nur verlesen. Erzbischof Reinhard Kardinal Marx erklimmt anschließend die Bühne. Als dann der Moderator des Abends noch etwas von "Bitteschön, Herr Kriminal... Kardinal" erzählt, herrscht kurzzeitig belustigte Unruhe unter den 1000 Gästen.   

- Die Stadt Neusäß hatte ihre Bürger in die Stadthalle eingeladen. Angenehm kurze Reden, gute Musik, volle Hütte. Größtes Tuschel-Thema: Landrat Martin Sailer sitzt zeitgleich beim Empfang in Stadtbergen und war nicht in seinem Wohnort Neusäß. Ein Signal nach den Streitereien mit Neusäß über die Flüchtlingsunterbringung? Definitiv, sagen etliche, die es wissen müssen. 

- Die SPD hatte ihren Neujahrsempfang zeitlich extra nach vorne gelegt, um einen dicken Fisch an Land zu ziehen: Vizekanzler Sigmar Gabriel ist auf dem Weg zur Messe zum Deutschen Schaustellerverband und schaut vorher noch im Rathaus vorbei. Ankunft eine halbe Stunde zu spät.
Die Hollaria ist zur Überbrückung zur Stelle. Wegen Platzproblemen im Rathaus muss sie in der dunkelsten, hintersten Ecke des Saals auftreten. Dann kommt Gabriel, hat nur wenig Zeit. Entsprechend kurz fallen die Begrüßungen von Fraktionschefin Margarete Heinrich und der Parteivorsitzenden Ulrike Bahr aus. Letztere hatte es vor zwei Jahren geschafft, eine 30-minütige Rede zu halten - ausschließlich mit namentlichen Begrüßungen. Selbst hartgesottene SPDler brachen damals zumindest gedanklich in Tränen aus und echauffierten sich hinter vorgehaltener Hand. Diesmal also alles in angenehmer Länge. Gabriel bricht nach seiner Rede sofort auf. Mein Gespräch mit ihm beschränkt sich auf "Hallo Herr..." - "Keine Chance, muss weiter!" An seiner Stelle interviewe ich Stefan Kiefer: Weniger Körperumfang, aber (neuerdings) mehr Bart! 
Der Empfang wird später fortgesetzt, u.a. mit einer Rede des Regensburger OBs Joachim Wolberg.

- Die FDP hatte gleich zwei Stargäste: Die Generalsekretärin der Bundes-FDP Nicola Beer und den Landesvorsitzenden Albert Duin. Alles in etwas kleinerem Rahmen als bei den "Großen", aber trotzdem nett. Die bezaubernde Sängerin im roten Kleid wäre das Highlight des Abends gewesen, wäre da nicht jener bezopfte Herr gewesen, der plötzlich in einer hinteren Reihe aufspringt und das Grundgesetz in der Hand haltend die aktuelle Flüchtlingspolitik anprangert, brüllt und nicht mehr zu beruhigen ist. Stadtrat Markus Arnold muss den Flegel klischeehaft aus dem Saal bugsieren. Mit seinen letzten Worten an der Tür kündigt der Mann grölend seinen Austritt aus der FDP an. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Miriam Gruß geht mit ihrer sechsmonatigen Tochter in Deckung, um nicht den geballten Zorn des Herrn und seines Grundgesetzes abzubekommen. Die neue Kreisvorsitzende Katrin Michaelis bleibt bei ihrer Rede nach dem Vorfall relativ cool. Die zeitgleiche klägliche Niederlage der Augsburger Panther setzt ihr weit mehr zu. Eine Podiumsdebatte steht als letzter Programmpunkt an. Die geht jedoch so lange, dass nur noch eine Handvoll Gäste das Ende mitbekommt. Der Rest steht schon lange am Buffet. 

Das war's praktisch schon mit den Neujahrsempfängen 2016. Fast. Am 12. Februar kommt Frauke Petry zur AfD. Das wird leider nicht lustig. Eher traurig.

Freitag, 25. Dezember 2015

"Rigorose Bereitschaft zum Krieg"

Diskussion über Neuauflage von "Mein Kampf"

Am 8. Januar erscheint Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe – das sorgt für Diskussionen.

2013 legte die Bayerische Staatsregierung eine Kehrtwende hin und zog ihre Unterstützung der Edition zurück. Seitdem tobt ein Streit zwischen Gegner und Befürwortern. Bildungsministerin Wanka und Lehrerverbände fordern, das Werk im Unterricht zu besprechen. Kritiker wie die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden Charlotte Knobloch sind prinzipiell gegen eine Veröffentlichung.

Hitler schrieb das Buch zum Teil während seiner Haftzeit in Landsberg.

Verantwortlich für die wissenschaftlich kommentierte Fassung ist das Institut für Zeitgeschichte in München. Ich konnte für HITRADIO RT1 ein Interview mit Dr. Thomas Vordermayer führen. Der Augsburger hat federführend an dem Projekt mitgearbeitet.

Was konkret hat Sie daran gereizt und fasziniert?

Mein Kampf“ ist mit Abstand Hitlers wichtigste programmatische Schrift. Dazu kommt, dass Hitler in diesem Werk so viel von sich und seiner Persönlichkeit preisgibt wie nirgendwo sonst – trotz des permanenten Versuchs der Selbstverschleierung. „Mein Kampf“ ist außerdem der einzige Text von Hitler, der noch nicht editiert und kommentiert ist. Von daher war es sehr reizvoll, an dem Projekt mitwirken zu dürfen.

Am 8. Januar kommt das Werk auf den Markt. Wer soll es lesen?

Unser Ziel war, das Ganze nicht nur für Fachwissenschaftler zu konzipieren. Das Interesse in der Fachwelt ist natürlich enorm. Gleichwohl war uns klar, dass es sich hier um einen Text handelt, der nicht nur für Wissenschaftler von Interesse ist, sondern auch in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Von daher haben wir versucht, so zu arbeiten, dass es möglichst allgemeinverständlich ist. 2012 war ja auch noch die Rede von einer Schulbuchausgabe. Das ist passé, aber wir haben durchaus auch Lehrer als Interessenten vor Augen gehabt. Sofern sie sich im Unterricht mit der NS-Ideologie auseinandersetzen, ist unsere Edition sicher eine gewisse Handreichung.

Das Ganze polarisiert. Die einen finden es gut und wichtig, die anderen sehen es kritisch, dass das Buch wieder auf den Markt kommt...

Bei einem so kontroversen Thema kann man nicht mit einem allgemeinen Konsens rechnen. Meines Erachtens nach ist der Text ja nicht aus der Welt gewesen. Der Nachdruck war seit 1945 verboten, aber er steht im Internet und ist auch in den Antiquariaten zu haben. Wer sich dafür interessiert, hat das Buch auch in den vergangenen Jahrzehnten haben können. Mit dem Ablauf der Urheberrechte haben wir jetzt eine neue Situation und es besteht die Möglichkeit, dass es Nachdrucke in großem Stil geben wird - auch auf die Gefahr hin, dass sich der ein oder andere Verlag dann eine Anklage wegen möglicher Volksverhetzung einhandelt. Es war aus meiner Sicht Aufgabe und Ziel, ein wissenschaftliches Angebot zu unterbreiten, damit der Leser die notwendigen Hintergrundinformationen bekommt. Diese benötigt man zum Verständnis des Textes. Man muss sich klarmachen: Bei aller logischen Schwäche und Widersprüchlichkeit sind in dem Werk viele Anspielungen, Namen, Ereignisse und Zusammenhänge, die in den 20er Jahren bekannt waren, heutzutage aber nur Experten etwas sagen. Von daher entlarvt sich der Text nicht fortwährend selbst. Wir liefern die Hintergründe dazu.

Als Sie „Mein Kampf“ gelesen haben: Was ging Ihnen durch den Kopf? Denkt man da: „Was für ein Unsinn!“?

Für die wissenschaftliche Arbeit sind Gefühle natürlich eher hinderlich. Das muss man ausblenden. Der Text hinterlässt je nach Kapitel sehr unterschiedliche Eindrücke. Der Text ist 750 Seiten lang und keine Aneinanderreihung beispielloser Stilblüten. Hitler schreibt über viel mehr Gegenstände als man erwarten könnte. Es geht natürlich um seinen Antisemitismus und die rigorose Bereitschaft zum Krieg oder die gebetsmühlenartig wiederholte Beleidigung der Weimarer Staatsführung. Das ist alles zentral für den Text. Gleichzeitig geht es aber auch um Themen, die man so gar nicht erwartet hätte wie zum Beispiel ein Kapitel über die Geschichte des Föderalismus. Insgesamt gibt diese Quelle viel mehr über Hitlers Weltbild preis als ich anfangs dachte.

Ist es tatsächlich eine Art Fahrplan für das, was später erschreckende Realität wurde?

Teils ja, teils nein. „Mein Kampf“ ist keine Blaupause für das Dritte Reich, das wäre eine Überinterpretation. Gleichzeitig wäre es auch ein Fehler, so zu tun als wäre es alles nur Gefasel, das später bei der Machtergreifung keine Rolle mehr gespielt hat. Ein Aspekt, der sich durch den Text zieht, ist die Bereitschaft zum Krieg. Es gibt auch Passagen, die ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet hätte. So fordert Hitler eindeutig Zwangssterilisationen, was ja wirklich traurige Realität geworden ist. Das sind Maßnahmen, die Hitler vollkommen ungeschminkt von einem künftigen „völkischen Staat“ fordert. Hier sind ganz klar Parallelen zu sehen.

Was hat Hitler angetrieben? Was war seine Motivation?

Gerade als Hitler in Landsberg in Haft saß, war für ihn der Prozess der Selbstfindung sehr wichtig. Er hat zu dieser Zeit sehr viel gelesen. Er hat die Festungshaft genutzt, um das, was er gelesen, gehört und gedacht hat, in ein für ihn logisches Gesamtbild zu bringen. Gleichzeitig hatte er den Anspruch, innerhalb der heterogenen völkischen Bewegung als der ideologische Führer aufzutreten und die Deutungshoheit zu haben. Er wollte sich gegenüber anderen Autoren durchsetzen. Dazu kam noch, dass Hitler durch diverse juristische Auseinandersetzungen in Geldnot steckte und deshalb auch ökonomische Motive hatte.

Brauchen Sie jetzt nach dieser jahrelangen Arbeit erst einmal eine Pause von Hitler?

Wenn ich ein nächstes Forschungsprojekt anstoßen würde, hätte es sicher nichts mit Hitler und dem Nationalsozialismus zu tun. Es bleibt ein Thema, das mich in der Forschung begleiten wird, allerdings muss man sich auch andere Standbeine schaffen und sich mehr als eine Expertise erwerben. Nach drei Jahren tagtäglicher Beschäftigung mit „Mein Kampf“ hat man ein Stück weit auch genug. Gleichzeitig freue ich mich, dass das Buch jetzt dann erscheinen wird und bin gespannt auf die Reaktionen der Öffentlichkeit.

Dr. Thomas Vordermayer studierte an der Universität Augsburg im Hauptfach Neuere und Neueste Geschichte und machte 2008 seinen Abschluss. 2009 entschied er sich dazu, seine Doktorarbeit der Geschichte der völkischen Bewegung – gewissermaßen der ideengeschichtliche Vorläufer des Nationalsozialismus - zu widmen. Im Jahr 2012 schloss er seine Promotion ab und begann danach seine Tätigkeit am Institut für Zeitgeschichte.

Montag, 14. September 2015

Tradition, Leidenschaft und Absurditäten: Augschburg und sein AEV

Dieser Beitrag ist Teil der Augsburger Blogparade. Tolles Projekt, schön dabei zu sein!
Infos: https://ichbinaugsburg.wordpress.com/
 
Im Jahr 1878 ist so einiges passiert. Der deutsche Kaiser wird bei einem Attentat verwundet. Die Stadt New Haven verfügt über das weltweit erste Telefonbuch - mit 50 Einträgen. Robert Chesebrough entkommt dem Bankrott, indem er seine Erfindung Vaseline als Marke registrieren lässt. Und: In Augsburg wird der älteste Eislauf treibende Vereins Deutschlands gegründet: Der AEV.
137 Jahre später hat gerade die neue Saison in der Deutschen Eishockey Liga begonnen. Die Panther, wie die Profi-Mannschaft seit 1994 offiziell heißt, haben den Start leider vergeigt. Niederlagen gegen Krefeld zu Hause und in Ingolstadt beim Erzfeind. Muss nichts heißen, immerhin liegen noch 50 Spiele vor dem Team. 15 neue Spieler, neuer Trainer, neuer Co-Trainer, neuer Torwarttrainer, dazu ein Fitnesscoach und ein Ernährungsberater: Eigentlich sollte unter dem Motto "Reset" heuer alles besser werden. Kann ja noch werden, braucht halt Zeit.

Fußbodenheizung zum Trocknen und weinende harte Jungs

Die Fans sind ohnehin leiderprobt, sie kennen das Prozedere nur zu gut: Jedes Jahr müssen sie sich an neue Namen gewöhnen. Die schlechten Spieler schickt der Klub in die Wüste, die guten werden meist von der finanzkräftigeren Konkurrenz weggekauft. Trotzdem kommen im Schnit 4800 Zuschauer zu den Heimspielen, feiern ihre Mannschaft und feuern sie leidenschaftlich an. Größter Erfolg: Die Vizemeisterschaft im Jahr 2010.
Als Berichterstatter hat man schon viel erlebt in den letzten Jahren (Oh Gott, es sind echt schon 18 Jahre...). Vor allem die ausländischen Spieler sind immer für Geschichten gut. Viele sind Vollprofis, einige wollen eher als Touri Europa erkunden und nebenher noch ein bisschen Eishockey spielen. Wenn sie zum Beispiel den Trockner in der Wohnung nicht kapieren, deshalb lieber die Fußbodenheizung voll aufdrehen und die Klamotten zum Trocknen auf den Boden legen. Oder bei der Auto-Übergabe klarstellen, dass sie natürlich mit Gangschaltung fahren können. Man sei ja nicht doof. Und dann unter ächzendem Kupplungs-Dröhnen nicht vom Fleck kommen. Oder der gestandene Stürmer aus Kanada, der nach seiner Ankunft sich mit dem Auto im Augsburger Straßendschungel so verfahren hat, dass er sofort (!) weinend um Vertragsauflösung bat und einen Tag später wieder weg war.

"Wo ist der Puck? Und warum ist da eine 80er-Disco?"

Auch die Optik des Curt-Frenzel-Stadions hat in den letzten Jahren gefühlt so oft gewechselt wie die Spieler. Seit 1936 in Betrieb, 1971 überdacht. 2010 - naja, wie soll man es nennen? - umgebaut. Und zwar so, dass die Fans stellenweise ein Drittel des Eises nicht mehr sehen konnten und Augsburg zur bundesweiten Lachnummer wurde. Der Umbau vom Umbau ist jetzt zumindest größtenteils fertig. Die Außenfassade - einst als leuchtende Eisscholle angekündigt - strahlt zwar wie eine Billig-Disco aus den 80ern, aber drinnen ist es durchaus schön. Und: Vor allem nicht mehr so kalt. Als letztes offenes Stadion der Liga hatte es im Winter gerne mal -20 Grad während der Spiele. Eingefrorene Münder der Reporter oder vereiste Übertragungs-Kabel inklusive. Es gibt auch Fans, die sagen, Saukälte gehöre zum Eishockey dazu. Die breite Masse an Leuten bekommt man aber dann halt nicht ins Stadion...
Das Stadion ist zentrumsnah und hat Flair. Meine ersten Spiele habe ich als Schüler 1994 gesehen - das Aufstiegsjahr - und seitdem habe ich nicht allzu viele Heimspiele verpasst. Jahrelang bin ich nach den Auswärtsspielen im Mannschaftsbus mit zurück nach Augsburg gefahren. Und was während der Fahrten in dem Bus abgeht, ist der helle Wahnsinn - nämlich nichts. Gar nichts. Die Jungs schlafen, hören Musik oder spielen Karten.
Eishockey und besonders die Panther sind faszinierend. Diese dynamische Sportart verbunden mit der Eishockey-Tradition in unserer Stadt und einem familiären Klub: Augsburg und der AEV gehören einfach zusammen. Wie Pech und Schwefel. Oder Siegfried und Roy. Oder Homer und Marge.
Und in dieser Saison wird's der neue Coach mit seinem witzigen Sprach-Mix aus Englisch und Österreichisch auch noch richten!


Tolle Choreographie der Panther-Fans vor dem ersten Heimspiel: Die verstorbene AEV-Legende Paul Ambros.



Donnerstag, 4. Juni 2015

Sommer in der Maxstraße - Die hippe Politesse, der Fuß am Fenster und irritierte Radler

Laut einer neuen Untersuchung ist die Augsburger Maxstraße die beliebteste und meistfrequentierte Straße der Stadt. Deshalb (Okay, nicht nur deshalb...) eine Recherche vor Ort. Eine knappe Stunde bei einer leckeren Pizza im Bob's bringt folgende Erkenntnisse:

- Es gibt sie tatsächlich immer noch, die Cruiser, die mit ihrem tiefer gelegten Auto über das Kopfsteinpflaster brettern. Highlight: Der Kerl, der aus Coolness-Gründen nicht anders kann als seinen blanken Fuß zum Fenster rauszuhängen. Als Fahrer...

- Eine Frau sorgt durch ihre pure Anwesenheit für hektische Betriebsamkeit bei vielen umliegenden Passanten, viele kommen ihretwegen extra herbeigeeilt und stürmen auf sie zu. Dabei ist die Dame jenseits der 50 und nicht mal sonderlich attraktiv. Aber: Sie ist Politesse und gewillt, jetzt Strafzettel zu verteilen. Die Argumente prasseln nur so auf sie ein. Man fahre natürlich jetzt sofort weg und sei nur kurz dort gestanden, man habe sich lediglich nach dem Weg erkundigt, man wolle nur sagen, was die blaue Dame für schöne Augen habe.... Als eine Rocker-Gang der Politesse entgegen stürmt, ist man schon fast gewillt, einzuschreiten und die Dame gegen die Rabauken zu verteidigen. Doch die Gang gibt sich kleinlaut, entschuldigt sich und weist darauf hin, man habe einen Parkschein gezogen und ihn im Auspuff des Motorrads deponiert. Die belustigte Politesse verifiziert das Ganze. Die Sorge über die Anwesenheit der Rocker legt man spätestens dann ab, als sich der Anführer auf sein Motorrad setzt und einen Elmo-Plüsch-Helm aufzieht... Die Politesse nimmt alles gelassen hin, gibt sich entspannt und lächelt Pöbeleien weg. Bei den meisten verzichtet sie darauf, den Strafzettel auszustellen. 

- Der Aufruhr legt sich langsam wieder. Aber es folgt bereits das nächste Highlight: Auch der städtische Ordnungsdienst ist unterwegs auf der Maxstraße und hat die Radler im Visier. Fahren auf dem Gehsteig verboten! Ein junger Mann wird angehalten und muss zahlen. Er schaut irritiert. Während er ermahnt wird, fahren fünf weitere Radler auf dem Gehweg freundlich grüßend an ihm und den Ordnungsdienst-Mitarbeitern vorbei...

- Erblickte Promis: Ex-Panther-Torwart Markus Keller (Zieht Ende des Monats von Augsburg nach Kassel), OB Gribl und sein neuer Referent Rich Goerlich sowie der fertige Kerl mit seinem Fahrrad und den tausend Flaggen dran. Der König ließ sich entschuldigen. 

Sonntag, 3. Mai 2015

Sonntag in the City - und der Augsburger kommt

Drei Jahre lang hat der Augsburger mehr oder weniger klaglos die Baustellen in der Innenstadt hingenommen. Ähnlich klaglos nahm er an diesem Sonntag das regnerische Wetter hin - und kam trotzdem am "Sonntag in the City". Zehntausende waren letztlich da.

Die Stadt hatte sich Einiges einfallen lassen, um den Augsburgern und besonders dem Umland zu sagen "Hey, bei uns ist es wieder ganz schön, schaut vorbei": Live-Musik, Klettergarten, Kunstrasen, Schirm-Parade usw...





Dennoch stand ausgerechnet das Konzert der Augsburger Philharmoniker zur Eröffnung des Tages auf der Kippe, obwohl das indoor im ehemaligen Woolworth-Gebäude (Augsburgerisch: Wollwort) stattfand. Weil: Es war saukalt dort. Aber Musiker und Instrumente brauchen nun mal 17 Grad. Nicht mehr und nicht weniger. Also wurde kurzerhand letzte Woche eine Heizung eingebaut. Bei den Proben das nächste Problem: Der Diesel-Gestank jener Heizung gefiel nicht. Und so hatte Organisator Stefan Sieber die Ehre, am Feiertag des 1. Mai eine neue aufzutreiben - und hatte damit Erfolg. So konnte Dirigent Lancelot Fuhry (Was für ein Name!!) vor knapp 1000 Besuchern zur Tat schreiten.

Alles unter den Augen des Stadtoberhaupts: Der König von Augsburg war da. Als ihn sein Stellvertreter Kurt Gribl in seiner Rede begrüßte, signalisierte er - so meine ich - durch ein freundliches Nicken, dass er den Innenstadtumbau gut heiße. Mehr braucht es als Monarch oftmals nicht.

In der ganzen Stadt war danach viel los, die Fußgängerzone wurde voller und voller. Einzig der Königsplatz fiel da etwas ab. Die nasse Skater-Rampe war nicht benutzbar und allzu viele Tanzwütige für die Open-Air-Disco gab es trotz des DJ-Sounds nicht.

Von 13 bis 18 Uhr hatten dazu die Geschäfte auf. In einem Laden fordert mich die Verkäuferin auf, nicht nur zu schauen, sondern gefälligst zu konsumieren und etwas für den Handel zu tun. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und erwerbe schleunigst zwei Hemden. Dabei schnappe ich einen Dialog neben mir auf. Eine Frau um die 60 spricht mit der Verkäuferin. "Naa, in dem Stoff schwitzt er immer so. Vielleicht g'fallt ihm des andere Hemmad besser. Probier mer des amol!" Erst später merke ich: Sie spricht über ihren Ehemann, der während des gesamten Gesprächs schweigend neben ihr steht...

Bleiben noch die Liegestühle: 400 davon standen in der ganzen Innenstadt verteilt. Schnell sah man aber Besucher, die sich mit einem Stuhl unterm Arm auf den Weg machten. Meine zunächst gefassten Pläne, die Polizei zu rufen und Zivilcourage zeigend den Dieb lautstark anzuprangern, setze ich nicht um. Zum Glück. Die Stadt hatte die Liegestühle zuvor an die Besucher verschenkt.